Gebete für die Vermissten – Jennifer Clement [Rezension]

Mexiko ist ein Kaninchenbau voller versteckter Frauen – erzählt Jennifer Clement in „Gebete für die Vermissten“. Sie verstecken sich vor den SUVs mit den abgedunkelten Scheiben. Denn zahlreiche junge, hübsche Mexikanerinnen sind darin verschwunden.  

Jennifer Clement erzählt in „Gebete für die Vermissten“ von der Rolle der Frau in der Narco-Kultur.

Gebete für die Vermissten: Der Inhalt

Während die Welt Schönheitswettbewerbe abhält und plastische Chirurgie vielerorts Einzug hält, macht man in Ladydis Heimat junge Mädchen hässlich. Ladydi ist die junge Protagonistin in „Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement.Die Menschenhändler nehmen nur die Hübschen mit. Die Hässlichen haben Glück. So muss Ladydi sich in Erdlöchern verstecken, sich als Junge ausgeben oder ihre Zähne schwarz anmalen, obwohl sie den Namen der schönen, britischen Prinzessin von Wales trägt.

Ladydi sieht aus wie alle, die sie kennt, bis auf Paula. An Paulas Schönheit reicht niemand heran – nicht einmal Jennifer Lopez. Sie war auch die Einzige, die von den Menschenhändlern zurückkehrte. Verstört und ängstlich, aber sie war wieder da. Maria mit ihrer Hasenscharte hatte Glück gehabt. Niemand würde sie entführen wollen.

Ladydis Bergdorf in Guerrero ist in Kaninchenbau voller versteckter Frauen und ein Ort ohne Männer. Denn die Männer sterben oder verschwinden bei dem Versuch in den USA ihr Glück zu machen. Die, die es schaffen, vergessen irgendwann ihre mexikanische Familie.

 „Bitte nie um Liebe und Gesundheit, sagte Mutter. Oder um Geld. 
Wenn Gott hört, was du willst, gibt er es dir nicht. Garantiert.“ 
Clement, Jennifer: Gebete für die Vermissten. Berlin (Suhrkamp) 
2014, S.19.

Rezension zu Jennifer Clements „Gebete für die Vermissten“

„Gebete für die Vermissten“ ist kein Roman, der sich wirklich bewerten lässt. Bei dieser unvorstellbar grausamen Thematik mit dem Wissen, dass es sich dabei nicht um bloße Fiktion handelt, kommt es mir falsch vor über Charakterentwicklungen oder Spannungsbögen zu referieren. Deswegen seht diese Rezension mehr als Buchvorstellung, denn als wirkliche Literaturkritik.

In Jennifer Clements Roman wird der Leser zugleich mit der allgegenwärtigen Gefahr, die von den dunklen Autos und den daraus entsteigenden Männern konfrontiert. Wer in ihre Gewalt kommt, der kommt nie mehr zurück und keiner unternimmt etwas dagegen. Niemand ruft die Polizei deswegen oder sucht nach ihnen. Es ist keine besonders feinfühlige oder schonende Schilderung, vielmehr sehen wir alles mit Ladydis unerfahrenen und hinnehmenden Augen.

Es wird nichts bewertet, verurteilt oder zu ändern versucht. Die einzigen Urteile kommen aus den Mündern der Anderen. Vornehmlich ihre Mutter weiß alles zu kommentieren und für Ladydi in das ihrer Meinung nach rechte Licht zu rücken. Ladydis Vater sei ein Schuft, der Präsident ein Drogendealer, das Leben nichts wert. Ein wenig lebendiger wird Ladydis eigener Wille als sie die Chance bekommt von ihrem Bergdorf nach Acapulco zu ziehen, um dort als Haushälterin zu arbeiten. Doch die Handlungen und Worte ihrer Mutter lassen sie nie endgültig los.

„Gebete für die Vermissten“ erzählt im Grunde davon wie die Frauen in Guerrero so gut wie möglich versuchen zu überleben. Gefangen in der Ohnmacht nichts gegen dieses Leben inmitten von Drogenbanden und Gesetzlosigkeit ausrichten zu können, verbindet die Frauen in Ladydis Bergdorf ein Band, an dessen Enden Loyalität und Verzweiflung miteinander Tau ziehen.

Jennifer Clement lässt Ladydi dabei keine zusammenhängende Geschichte erzählen, sondern es handelt sich vielmehr um ein Mosaik, das sich erst am Ende nahtlos zusammenfügt, wenn das letzte Steinchen an seinem Platz ist. So springt Ladydi in ihrer Erzählung von ihrer Kindheit zur Gegenwart hin und her, wobei man gar nicht so genau weiß, worin die Gegenwart besteht. Das macht es ab und an schwer der Handlung lückenlos zu folgen, aber es wirkt absolut authentisch. Schließlich erzählen Menschen im realen Leben auch keine gradlinigen Geschichten, sondern streuen Gedankenblitze ein und folgen plötzlichen Eingebungen.

Meine Sternewertung lasse ich heute einmal weg, da ich wie gesagt hier nicht wirklich etwas bewerten möchte. Ich kann dieses Buch aber jeden ans Herz legen, der sich für Mexiko, für den Drogenkrieg und die Rolle, die die Frauen dabei spielen, interessiert. Trotz der wenigen Seiten ist es keine Lektüre für Zwischendurch, sondern sollte bewusst gelesen werden. Dann erkennt man wirklich, wie vielschichtig und aufwühlend der Roman geschrieben ist.

Meine Meinung kurz gefasst

Jennifer Clements „Gebete für die Vermissten“ ist definitiv keine Urlaubslektüre. Ihre große Errungenschaft ist es eine Thematik aufgegriffen und recherchiert zu haben, von der wir uns hier vermutlich gar keine Vorstellung machen. Sie lässt uns durch die Augen ihrer Protagonistin alle Grausamkeiten und Kuriositäten dieser Kriegssituation erleben. Aber auch ein Blick in die eingeschworene Gemeinschaft, die damit zu leben gelernt hat, ist uns gegönnt.

Gebete für die Vermissten: Allgemeine Angaben

Titel: Gebete für die Vermissten (OT: Prayers for the Stolen); Autor: Jennifer Clement

ISBN: 978-3518424520

Verlag: Suhrkamp; Ort: Berlin

Jahr: 2014 (Original: 2014); Seiten: 228 Seiten

Preis: 19,95 € (Hardcover, Zeitpunkt der Rezension)

Die Kaffeeprinzessin – Karin Engel [Rezension]

„Die Kaffeeprinzessin“ von Karin Engel erzählt vom Bremer Kaffeewesen der Belle Epoque. Mehr noch handelt das Buch von einer starken Frau, die den Mut hat, Entscheidungen zu treffen und die Folgen ohne Reue in Kauf zu nehmen. „Die Kaffeeprinzessin – Karin Engel [Rezension]“ weiterlesen

Winter der Welt – Ken Follett [Rezension]

Der wohl bekannteste, walisische Autor ist vor etwa drei Wochen – also genau am 05. Juni 2014 – 65 Jahre alt geworden. Ken Follett hat 1949 im Nachgang des Zweiten Weltkriegs das Licht der Welt erblickt, was den perfekten Anlass bietet um über seinen Kriegsepos Winter der Welt zu reden.

Winter der Welt Ken Follett

Nicht erst mit dem Erscheinen der Romane Sturz der Titanen (2010)und Winter der Welt (2013) hat der walisische Schriftsteller Ken Follett das Genre des historischen Romans wiederbelebt. Ein erster erfolgreicher Schritt in diese Richtung ist ihm schon mit seinen Werken Die Säulen der Erde (1990) und Die Tore der Welt (2008) gelungen.

Im Fokus der vorliegenden Rezension steht aber Ken Folletts Roman Winter der Welt, der den Sturz der Titanen fortsetzt.

Winter der Welt – eine meisterhaft geschriebene Saga, die aufgrund des investigativen Arbeitsstils und unterhaltsamen Schreibstils ihres Autors jedes Geschichtslehrbuch in den Schatten stellt.

Winter der Welt – eine Saga, die das Schicksal der Generationen, die sowohl der Ersten Weltkrieg als auch den Zweiten miterleben musste, sehr detailliert und mit einem hohen Grad an Sachkenntnis und Verständlichkeit beschreibt.

Winter der Welt – die Jahrhundert-Saga von Ken Follett, die das, was unsere Vorfahren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erdulden mussten, vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig und erlebbar macht.

Winter der Welt: Inhalt kurz wiedergegeben

Ken Follett Winter der Welt

Sehr ausführlich stellt Ken Follett in Winter der Welt die Schicksale der in der Sowjetunion lebenden Familie Peshkov, der Familie des Senators Gus Dewar in den USA, der britischen Familien des Earl Fitzherbert und der Parlamentsabgeordneten Ethel Leckwith – Williams und den Lebensweg der aristokratischen von Ulrichs in Deutschland sowie ihre durch Verwandtschaft und Freundschaft geprägten Verknüpfungen dar.

 So lebt beispielsweise Lev Peshkov als anrüchiger, aber erfolgreicher Geschäftsmann in den USA, während sein Bruder Grigori in Moskau zu denjenigen gehört, die das Winterpalais stürmten und später ungehindert Zugang zum großen Stalin hatten. Daisy Peshkov, Tochter von Lev, wird Ehefrau von Earl Fitzherberts Sohn, liebt aber Lloyd, den Sohn von Ethel Leckwith – Williams, die wiederum eine enge Freundin von Maud von Ulrich, der Schwester von Earl Fitzherbert ist. Jedoch muss der Leser keine Verwirrung befürchten, denn eine gut aufgestellte Namensliste zu Beginn der Lektüre erleichtert ihm, den Wechsel von Handlungsorten und -strängen nachzuvollziehen. Ein Großteil dieser Familien leistet je nach seinen Möglichkeiten seinen Beitrag im Kampf gegen den Hitlerfaschismus.

Ken Follett Winter der Welt: Rezension und Bewertung

Das Faszinierendste an Winter der Welt ist wohl auch, dass Follett Themen wie die Emanzipation der Frau, d.h. Probleme unehelich geborener Kinder, der Empfängnisverhütung, der gesellschaftlichen Stellung geschiedener Frauen und der Zulassung von Frauen an Universitäten ungeschminkt dem Leser nahe bringt.

Des Weiteren spricht er offen das Thema der Intoleranz gegenüber Homosexuellen beispielsweise in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg und bei der US – Navy in den 1940er Jahren an. Einen ziemlich breiten Raum in Winter der Welt nimmt Folletts Auseinandersetzung mit dem Thema der Euthanasie ein, denn gleich zwei der handelnden Familien sind davon betroffen. Er schweigt auch nicht über die Vergewaltigungen deutscher Mädchen und Frauen durch Angehörige der Roten Armee nach deren Sieg über den Hitlerfaschismus, jedoch auch die Gräueltaten der SS gegenüber der Zivilbevölkerung in Osteuropa kommen zur Sprache.

Erholsam für den Leser ist auch, dass Ken Follett in Winter der Welt nicht den üblichen Stereotypen folgt, denn bei ihm gibt es Faschisten nicht nur in Deutschland oder Kommunisten nicht nur in der Sowjetunion. Er zeigt, dass zur Handlungszeit des Romans, d.h. 1933 – 1948 vor allem junge Menschen, unabhängig davon, ob sie in den USA, in Großbritannien, Deutschland oder der damaligen Sowjetunion lebten, ähnlich gelagerte Probleme wie Liebeskummer, Eifersucht oder berufliche Karriere, nur unter unterschiedlichen Bedingungen zu bewältigen hatten.

Ken Follett führt mit Winter der Welt die Jahrhundert-Trilogie fort

Ken Follett Winter der Welt Trilogie

In Winter der Welt enthüllt der Autor auch, dass die Politik zeitweise Zweckbündnisse mit dem vermeintlichen Gegner und Zugeständnisse wider besseren Wissens erfordert, um große, hehrere Ziele zu erreichen. Deutlich wird das bei Ken Follett immer dann, wenn er aus amerikanischer Sicht, über die Bemühungen des Senators Gus Dewar um die Stabilisierung des Völkerbundes, dem Vorläufer der Vereinten Nationen, schreibt, denn in diesem multinationalen Bündnis gilt es, die Interessen aller beteiligten Länder zu berücksichtigen. Da muss man schon mal etwas tricksen bzw. Gespräche im kleinen Kreis im Herrenklub oder an der Bar, fernab der offiziellen Treffen führen.

Winter der Welt ist natürlich auch gespickt mit Liebesgeschichten, deren Verlauf beispielsweise durch Hürden wie den Bürgerkrieg in Spanien oder durch den Angriff japanischer Streitkräfte auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor mitbestimmt wird.

Im ersten Band Sturz der Titanen ist der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine die Handlungen seiner Figuren dominierende Größe, wohingegen in Winter der Welt anhand einer Reihe von Schicksalen gezeigt wird, wie der wohl bisher blutigste Krieg, der Zweite Weltkrieg, das Leben der Menschen auf die tragischste Weise beeinflusste. Deshalb ist Winter der Welt besonders der jüngeren Generation zu empfehlen.

Zerbst, den 04.06.2014                                             Gastautorin: Annegret Mainzer

Familienbande – Michael Degen [Rezension]

Michael Degen Familienbande
Katja Mann mit ihren sechs Kindern um 1919. Von links nach rechts: Monika, Golo, Michael, Katia, Klaus, Elisabeth, Erika. By Anonymous [Public domain], via Wikimedia Commons (PD-1923)

Der namhafte Schauspieler Michael Degen, bekannt aus zahlreichen Verfilmungen, spielt oft ernsthafte Hauptrollen und zählt meines Erachtens zu den wahrlich großen, zeitgenössischen Mimen unseres Landes. Vor kurzem fiel mir sein Roman Familienbande in die Hände, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann, da das Thema, nämlich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nie an Aktualität verliert.

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn gestaltete und gestaltet sich in vielen Familien und zu allen Zeiten nicht selten sehr speziell, um nicht zu sagen – schwierig. Denn allzu oft projizieren Väter – meist in bester Absicht – ihre Vorstellungen vom Leben auf die Söhne, die sich erfahrungsgemäß vehement dagegen wehren.

Michael Degen – Schauspieler und Schriftsteller

Familienbande auf Amazon

Umso schwieriger ist ein solches Verhältnis für die Söhne zu ertragen, die stets an den Leistungen ihrer in der Öffentlichkeit stehenden und scheinbar übermächtigen Väter gemessen werden, wie es bei Michael Mann der Fall war, dem jüngsten Spross des viel geachteten und international anerkannten deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann.

In seinem Roman Familienbande zeichnet der Autor Michael Degen ein tiefgründiges und facettenreiches Porträt dieses ungewöhnlichen, aufmüpfigen, aber talentierten Michael Mann, im Buch konsequent Bibi genannt. Bibi, dessen Leben einerseits vom Kampf um die väterliche Zuneigung und andererseits von Unruhe, Alkoholexzessen und Gewaltbereitschaft, die weder vor Lehrern noch vor Ehefrau, Kollegin und Sohn haltmacht, geprägt ist, steht im Fokus des Romans Familienbande.

Michael Degen „Familienbande“ – Rezension und eigene Meinung

Jedoch stellt Degens Roman Familienbande keine reine Biografie dar. Er lässt die Leser auch teilhaben am Familienalltag der Manns. Der Schriftsteller Thomas Mann, der von allen „der Zauberer“ genannt wird, ist Oberhaupt der Familie, dessen Bedürfnissen sich sowohl Ehefrau wie auch Kinder unterzuordnen haben. Damit er seiner Berufung, dem Schreiben, nachgehen kann, muss im Haus mit sechs Kindern absolute Stille herrschen. Zudem bietet das Buch Familienbande nebenbei und fernab der üblichen Schullektüre lebendige Geschichtslektionen, denn der Autor Michael Degen gibt ebenfalls einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der deutschen Intellektuellen, die zur Zeit des Hitlerfaschismus ins Exil gehen mussten, aber diesen nie in seiner Endkonsequenz realisieren wollten oder konnten.

„Familienbande“ – Buch und mehr als eine reine Biografie

Michael Degen
Foto: Udo Grimberg, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Bibi, der Protagonist von Michael Degens Familienbande, der ebenfalls das Exil in der Schweiz, in Großbritannien und in den Staaten kennen lernte, bemüht sich Zeit seines Lebens die Liebe und Anerkennung seines Vaters zu erringen, indem er zunächst versucht, als Bratschist Erfolg zu haben. Dabei ergeben sich sogar Momente einer scheinbaren Annäherung, doch eben nur scheinbar. Immer wieder sind es die Familienbande, d.h. seine Geschwister, vor allem sein mehr als zehn Jahre älterer drogensüchtiger Bruder Klaus, im Buch Aissi genannt, und seine Mutter, die verhindern, dass es zum endgültigen Bruch mit seinem Vater Thomas Mann kommt. Und in fast allen schwierigen Lebenssituationen von Bibi – z.B. als er der Schule und des Konservatoriums verwiesen wurde – lässt ihn sein Vater nicht im Stich und hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen.

Michael Degens Buch „Familienbande“ erzählt von Bibi

Nach dem Tode von Thomas Mann sattelt Bibi von der Musik auf Germanistik um und befasst sich mit den väterlichen Tagebüchern. Was liest er darin? Wie wirkt sich ihre Lektüre auf Bibis weiteres Leben aus?

„Dein Vater wird auch dann noch am Leben sein, wenn es längst niemand mehr weiß, dass es Nachkommen von ihm gegeben hat.“- Schonungslos muss er diese Worte aus dem Mund seiner Mutter vernehmen. Wie wird er darauf reagieren?

Familienbande, ein dialogreich gestalteter und in gekonnter deutscher Sprache niedergeschriebener Roman vom stilsicheren Michael Degen, der es dem Leser schwer macht, das Buch zeitweise aus der Hand zu legen.

 

Zerbst, den 19.03.2014                                                                               Annegret Mainzer