Familienbande – Michael Degen [Rezension]

Michael Degen Familienbande
Katja Mann mit ihren sechs Kindern um 1919. Von links nach rechts: Monika, Golo, Michael, Katia, Klaus, Elisabeth, Erika. By Anonymous [Public domain], via Wikimedia Commons (PD-1923)

Der namhafte Schauspieler Michael Degen, bekannt aus zahlreichen Verfilmungen, spielt oft ernsthafte Hauptrollen und zählt meines Erachtens zu den wahrlich großen, zeitgenössischen Mimen unseres Landes. Vor kurzem fiel mir sein Roman Familienbande in die Hände, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann, da das Thema, nämlich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nie an Aktualität verliert.

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn gestaltete und gestaltet sich in vielen Familien und zu allen Zeiten nicht selten sehr speziell, um nicht zu sagen – schwierig. Denn allzu oft projizieren Väter – meist in bester Absicht – ihre Vorstellungen vom Leben auf die Söhne, die sich erfahrungsgemäß vehement dagegen wehren.

Michael Degen – Schauspieler und Schriftsteller

Familienbande auf Amazon

Umso schwieriger ist ein solches Verhältnis für die Söhne zu ertragen, die stets an den Leistungen ihrer in der Öffentlichkeit stehenden und scheinbar übermächtigen Väter gemessen werden, wie es bei Michael Mann der Fall war, dem jüngsten Spross des viel geachteten und international anerkannten deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann.

In seinem Roman Familienbande zeichnet der Autor Michael Degen ein tiefgründiges und facettenreiches Porträt dieses ungewöhnlichen, aufmüpfigen, aber talentierten Michael Mann, im Buch konsequent Bibi genannt. Bibi, dessen Leben einerseits vom Kampf um die väterliche Zuneigung und andererseits von Unruhe, Alkoholexzessen und Gewaltbereitschaft, die weder vor Lehrern noch vor Ehefrau, Kollegin und Sohn haltmacht, geprägt ist, steht im Fokus des Romans Familienbande.

Michael Degen „Familienbande“ – Rezension und eigene Meinung

Jedoch stellt Degens Roman Familienbande keine reine Biografie dar. Er lässt die Leser auch teilhaben am Familienalltag der Manns. Der Schriftsteller Thomas Mann, der von allen „der Zauberer“ genannt wird, ist Oberhaupt der Familie, dessen Bedürfnissen sich sowohl Ehefrau wie auch Kinder unterzuordnen haben. Damit er seiner Berufung, dem Schreiben, nachgehen kann, muss im Haus mit sechs Kindern absolute Stille herrschen. Zudem bietet das Buch Familienbande nebenbei und fernab der üblichen Schullektüre lebendige Geschichtslektionen, denn der Autor Michael Degen gibt ebenfalls einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der deutschen Intellektuellen, die zur Zeit des Hitlerfaschismus ins Exil gehen mussten, aber diesen nie in seiner Endkonsequenz realisieren wollten oder konnten.

„Familienbande“ – Buch und mehr als eine reine Biografie

Michael Degen
Foto: Udo Grimberg, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Bibi, der Protagonist von Michael Degens Familienbande, der ebenfalls das Exil in der Schweiz, in Großbritannien und in den Staaten kennen lernte, bemüht sich Zeit seines Lebens die Liebe und Anerkennung seines Vaters zu erringen, indem er zunächst versucht, als Bratschist Erfolg zu haben. Dabei ergeben sich sogar Momente einer scheinbaren Annäherung, doch eben nur scheinbar. Immer wieder sind es die Familienbande, d.h. seine Geschwister, vor allem sein mehr als zehn Jahre älterer drogensüchtiger Bruder Klaus, im Buch Aissi genannt, und seine Mutter, die verhindern, dass es zum endgültigen Bruch mit seinem Vater Thomas Mann kommt. Und in fast allen schwierigen Lebenssituationen von Bibi – z.B. als er der Schule und des Konservatoriums verwiesen wurde – lässt ihn sein Vater nicht im Stich und hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen.

Michael Degens Buch „Familienbande“ erzählt von Bibi

Nach dem Tode von Thomas Mann sattelt Bibi von der Musik auf Germanistik um und befasst sich mit den väterlichen Tagebüchern. Was liest er darin? Wie wirkt sich ihre Lektüre auf Bibis weiteres Leben aus?

„Dein Vater wird auch dann noch am Leben sein, wenn es längst niemand mehr weiß, dass es Nachkommen von ihm gegeben hat.“- Schonungslos muss er diese Worte aus dem Mund seiner Mutter vernehmen. Wie wird er darauf reagieren?

Familienbande, ein dialogreich gestalteter und in gekonnter deutscher Sprache niedergeschriebener Roman vom stilsicheren Michael Degen, der es dem Leser schwer macht, das Buch zeitweise aus der Hand zu legen.

 

Zerbst, den 19.03.2014                                                                               Annegret Mainzer

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Der Mann mit dem Fagott – Udo Jürgens & Michaela Moritz [Rezension]

Eigentlich bin ich eher eine begeisterte Leserin von mehrbändigen Familiensagas, weniger gehören autobiografische Bücher berühmter Personen, Stars und Sternchen, die meist aus der Feder eines Ghostwriters stammen, zu meiner bevorzugten Lektüre. Doch eine Ausnahme machte die bereits 2004 erschienene Autobiografie des Sängers Udo Jürgens mit dem Titel Der Mann mit dem Fagott.

Udo Jürgens Mann mit dem Fagott
© Heinrich / CC BY-SA 3.0 DE

Mein Interesse an Udo Jürgens Lebenslauf rührt daher, dass die Lieder des aus Österreich stammenden Sängers mich mein Leben lang begleiteten (bin Jahrgang 1962). Daher interessierte mich entgegen meinen Gewohnheiten seine Lebensgeschichte, die er in Zusammenarbeit mit Michaela Moritz – Autorin, Journalistin, Fotografin und Redakteurin – verfasste. Schon nach der Lektüre der ersten Seiten erkannte ich, dass in diesem Buch nicht nur das Leben von Udo Jürgens beschrieben wird, sondern auch ein großer Teil der bewegten Geschichte seiner Familie, d.h. der Familie Bockelmann aus Kärnten gewidmet ist, insbesondere seinem Großvater und seinem Vater.

Udo Jürgens Biografie beeinflusst durch den Mann mit dem Fagott

Der Mann mit dem Fagott auf AmazonDer Leser lernt den jungen Udo Jürgens kurz vor seinem 21. Geburtstag kennen, als dieser noch fern jeglicher Popularität war und sich genötigt sah, durch Klavierspiel in Bars seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er erscheint dem Leser als eine unfertig, will nicht sagen unreife Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg erst noch finden muss.

Dem Mann mit dem Fagott begegnet Heinrich Bockelmann, dem Großvater von Udo Jürgens, Weihnachten 1891 in Bremen, als dieser ähnlich wie sein Enkel Udo etliche Jahrzehnte später über seine Zukunft nachdenkt. Doch die Begegnung mit dem Mann mit dem Fagott inspiriert ihn, sein Glück im fernen Russland zu versuchen. Das gelingt ihm auch, denn Heinrich Bockelmann avanciert in Moskau zu einem angesehenen Privatbankier mit sehr engen Beziehungen zum Zarenhof. Diese Idylle wird jäh durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges zerstört. Infolge der deutschfeindlichen Pogrome im Zarenreich wird Bockelmann verhaftet und verliert sein Hab und Gut. Wie es ihm gelingt, seine Frau mit den fünf Söhnen ins sichere Ausland zu bringen und sich selbst aus dieser scheinbar ausweglosen Lage zu befreien, ist sehr anschaulich beschrieben, so dass es dem Leser möglich gemacht wird, mit Heinrich Bockelmann in den heikelsten Situationen mitzufiebern oder sich mit ihm zu freuen. Doch auch in dieser schwierigen Zeit in Moskau trifft er auf den Mann mit dem Fagott in Form einer Bronzefigur, die von nun an in der Familie Bockelmann von Generation zu Generation weiter gegeben wird.

Es gibt übrigens eine Verfilmung von der Mann mit dem Fagott. 
Film und Ausstrahlung geschahen als Geburtstagshommage des
ARDs an den 77-järigen Udo Jürgens.

Im Laufe der Autobiografie wird auch die Figur von Rudolf Bockelmann, dem Vater Udo Jürgens, entwickelt, der seine Kindheit in Moskau verbracht und später als Bürgermeister in Kärnten gewirkt hatte und im Dritten Reich beinahe zum Tode verurteilt worden wäre.

In allen dargestellten Lebensabschnitten von Udo Jürgens Buch haben folgende männliche Figuren einen entscheidenden Einfluss auf sein Leben: das sind sein Großvater Heinrich, sein Vater Rudolf, sein Onkel Werner, der spätere Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, und immer wieder die Figur Der Mann mit dem Fagott, die alle Wirren der Geschichte zu überstehen scheint und deren Schicksal untrennbar mit dem der Familie Bockelmann verbunden ist.

Udo Jürgens und Michaela Moritz – Autoren mit Gespür für Epochendynamik

Der Mann mit dem Fagott Udo Jürgens
© Steindy / CC BY-SA 3.0

Udo Jürgens Biografie zeichnet sich vor allem durch den gelungenen Wechsel der Darstellung verschiedener Epochen der Familie Bockelmann aus. Der Wechsel der verschiedenen Handlungsorte wie Bremen, Moskau, Wien, Kärnten usw. ist für den Leser problemlos nachvollziehbar, ohne die Kontinuität der Geschichte zu stören. Spürbar ist auch der Respekt von Udo Jürgens vor seinem Großvater, Vater und dessen Brüdern, wenn er von ihnen erzählt.

Sehr erholsam für den Leser ist nach meiner Meinung auch die sehr selbstkritische Darstellung des Verhältnisses von Udo Jürgens zu seiner Ehefrau und seinen Kindern, wobei er nicht immer positiv wegkommt. Diese anspruchsvolle Biografie Udo Jürgens Der Mann mit dem Fagott ist frei von jedweder übertriebenen Selbstdarstellung des Sängers, wie häufig bei seinen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten, und zeugt eher von seiner Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Geradlinigkeit, wie sie auch einst seinen Vorbildern, seinem Großvater und seinem Vater eigen war.

Der autobiografische Bestseller Der Mann mit dem Fagott ist eine hervorragend geschriebenes Buch und eine sehr informative Lebensgeschichte dreier Generationen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis hin zum Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und stellt somit für die heutige junge Generation lebendigen und unterhaltsamen Geschichtsunterricht dar.

Zerbst, den 07.03.2014                                             Gastautorin Annegret Mainzer

Die Zarin der Nacht – Eva Stachniak [Rezension]

Eva Stachniaks „Die Zarin der Nacht“ blickt zurück auf ein mächtiges Leben und die Bemühungen Licht in die Dunkelheit zu bringen.

In dieser Gastrezension geht es, nachdem meine Mutter, Annegret Mainzer, zunächst ihre „Der Winterpalast“-Rezension verfasst hatte, nun um den zweiten Teil – nämlich „Die Zarin der Nacht“.

Die Zarin der Nacht

Die Zarin der Nacht: Die letzten Tage Katharinas II.

Die Zarin der Nacht CoverOhne Zweifel entspricht der Roman „Der Winterpalast“ der in Kanada lebenden polnischstämmigen Autorin Eva Stachniak den Kriterien, die einen Bestseller ausmachen, wovon diverse positive Rezensionen und die hohen Verkaufszahlen in Kanada, Polen und Deutschland beredtes Zeugnis ablegen.

Seit Herbst 2013 ist nun Eva Stachniaks zweites Buch über Zarin Katharina II. „ Die Zarin der Nacht“ auf dem Büchermarkt, auch auf dem deutschsprachigen.

Während Eva Stachniak im ersten Buch ihre Leser am Leben bei Hofe in St. Petersburg zur Zeit der Ankunft der blutjungen und unerfahrenen Anhalt- Zerbster Fürstentochter bis zu deren Inthronisation als Zarin Katharina II. durch die Augen einer Spionin teilhaben lässt, stehen im zweiten Buch „ Die Zarin der Nacht“  die letzten Tage der Katharinas II. und ihr Rückblick auf ihre Politik und persönlichen Entscheidungen, auf ihre Familie, Favoriten, Weggefährten und ihre Feinde im Mittelpunkt.

Die Zarin der Nacht: Eine wehmütige Retrospektive

Den Höhepunkt ihrer Macht schon längst überschritten und auf dem Sterbebett liegend, ihrer körperlichen Mobilität und ihres Sprachvermögens infolge eines Schlaganfall beraubt, erlebt Katharina II., die einst mächtigste Frau am Zarenhof, wie die sie umgebenden Personen – von der einfachen Bediensteten über hochrangige Staatsmänner bis hin zu Sohn und Enkelsohn – sich auf die Zeit nach ihrem Ableben einrichten. So hegt sie bis zu ihrem letzten Atemzug Zweifel an der wahren Loyalität der ihr Nahestehenden und ihrer Untergebenen. Zweifel, die sie ihr Leben lang begleiteten.

In ihre Beobachtungen, die sie vom Sterbelager aus nur ohnmächtig wahrnehmen kann, mischen sich auch Erinnerungen sowohl an weit zurückliegende wie auch an erst kurz vor ihrem Schlaganfall geschehene Ereignisse, z.B. an ihren misslungenen Versuch, durch die von ihr forcierte  Verlobung ihrer Enkeltochter Alexandra Pawlowna  ein Bündnis zwischen Russland und Schweden zu etablieren.

Eva Stachniak – „Die Zarin der Nacht“ ist ein würdiger Nachfolger

Eva Stachniak

Ihre Retrospektive ihre Favoriten wie Orlow, Poniatowski oder Potemkin betreffend, gehört zweifellos zu den Schlüsselszenen des Romans, um die mächtige Zarin auch als Frau zu verstehen, die sich Zeit ihres Lebens nach der Liebe um ihrer selbst Willen gesehnt hat.

Eva Stachniak zeigt auch eine Zarin, die nach der Geburt ihres ersten Sohnes Paul durchaus von echten Muttergefühlen durchdrungen war, aber aufgrund der von Zarin Elisabeth angeordneten Wegnahme ihres Kindes diese vorerst nicht leben durfte und so nie den richtigen Zugang zu ihrem Sohn fand. Infolge dieses Missverhältnisses hatte Katharina II. den Entschluss gefasst, Sohn Paul von der Thronfolge auszuschließen und ihren Enkel Alexander zu inthronisieren.

Die Ungeheuerlichkeit einer solchen Entscheidung war ihr durchaus bewusst und ließ sie auch mit deren Bekanntgabe zögern. Nun nicht mehr in der körperlichen Lage kommt sie zur bitteren Erkenntnis, dass es dafür zu spät sei, denn auch den Enkel Alexander plagt das schlechte Gewissen gegenüber seinem Vater.

Die Zarin der Nacht: Rezension und Fazit

Im Roman „ Die Zarin der Nacht“ bedient sich Eva Stachniak eines sehr verständlichen, klaren und anschaulichen Sprachstils, der es dem Leser glauben macht, er stünde direkt neben dem Sterbelager der Zarin und erlebe live die letzten Stunden im Leben von Katharina II. mit. Durch die  schonungslos direkte Beschreibung ihrer körperlichen Leiden, z.B. offene Beine, und ihrer absoluten Hilflosigkeit angesichts des Todes befreit die Autorin die Hauptfigur ihres Romans von jeglicher Glorifizierung.

Eva Stachniaks Roman „Die Zarin der Nacht“, ein Zurückschauen auf  das Leben von Katharina II., bietet nicht unbedingt neuste historisch relevante Erkenntnisse, jedoch durch die künstlerische Freiheit der Autorin, die sich aber größtenteils an die historischen Fakten hält, öffnet sich dem an der Historie interessierten Leser der Blick für die scheinbar belanglosen Dinge im Alltag eines gekrönten Hauptes, die aber durchaus die eine oder andere seiner Entscheidungen beeinflussten, wobei ebenfalls Parallelen zu den Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft unserer Zeit gezogen werden können.

Zerbst, den 04.03.2014

Annegret Mainzer

Allgemeine Angaben zum Eva Stachniak Buch

Titel: Die Zarin der Nacht; Autor: Stachniak, Eva

Original: The Empress of the Night

Reihe:  

  1. Der Winterpalast
  2. Die Zarin der Nacht

ISBN: 978-3458359562

Verlag: Insel Verlag

Jahr: 2013; Seiten: 491

Preis: 14,99 € (Taschenbuch, Zeitpunkt der Rezension)