Nacht ohne Namen – Jenny-Mai Nuyen [Rezension]

Nacht ohne Namen von Jenny-Mai Nuyen

Manche Menschen sind füreinander bestimmt.“ – so einfach kann die Liebe sein. Kompliziert wird sie erst, wenn Dämonen, Traumdeuter und Besessene ihre Hände im Spiel haben so wie bei Nicki und Canon.

Inhalt: Berlin im Bann von Dämonen

Jenny-Mai Nuyen „Nacht ohne Namen“Auf dem Weg zur Schule entflieht Nicki der Realität, indem sie versucht das Wesen der Menschen auf Papier zu bannen, die ihr in der Berliner U-Bahn gegenüber sitzen. Eine Kunst, die Canon perfektioniert hat. Er steigt jeden Morgen zu ihr ins letzte Abteil und gemeinsam arbeiten sie an ihren Zeichnungen bis zum Tag seines Verschwindens.

Nach einem verstörenden Anruf von Canon macht sich Nicki auf die Suche nach ihm. Dabei wird ihr bewusst, wie wenig sie von ihm weiß, obwohl sie das Gefühl hat, ihn schon ewig zu kennen. Bei ihrer Suche durch die Nächte von Berlin trifft sie auf eine Unterwelt voll unglaublicher Wesen und den Inkubus Tallis. Er rettet sie aus einer brenzligen Situation – aus ganz persönlichen Gründen.

So durcheinander hatte sie ihn noch nie erlebt. Seine 
Stimme … war erst ganz dunkel gewesen und dann unter dem Druck 
der Verzweiflung aufgebrochen. Irgendwas von Blut hatte er 
gesagt. Was war passiert?“
Nuyen, Jenny-Mai: Nacht ohne Namen. München (dtv) 2015, S.12.

Rezension: Gelungene Gratwanderung zwischen Gefühl und Kitsch

Als ich zuletzt in eine Buchhandlung ging, mit dem Ziel mir einen neuen Fantasyroman zu kaufen, spazierte ich – gelangweilt von den ewig gleich klingenden Klappentexten – unverrichteter Dinge wieder hinaus. Ich hatte keine Lust auf ein weiteres Protagonistenpaar, auf deren Schultern das Schicksal der Welt lastet. Und obwohl sich die beiden nicht ausstehen können, verlieben sie sich am Ende unsterblich ineinander. Ich wollte etwas Neues lesen.

Da erinnerte ich mich, dass mir auf der Leipziger Buchmesse die Lesung von Jenny-Mai Nuyen sehr gut gefallen hat, weil mir der Plot von „Nacht ohne Namen“ so ganz anders und neu erschien. Und tatsächlich hat Jenny-Mai Nuyen es mit diesem Buch geschafft, mich aus einer länger währenden Leseflaute und Fantasymüdigkeit zu holen. Die Geschichte um Nicki und Canon ist eine gelungene Mischung von Berliner Flair, Philosophie und Liebe; gewürzt mit Fantasie und Leichtigkeit.

Anhand des Klappentextes könnte man annehmen, dass sich zwischen Nicki und Canon ebenfalls eine der üblich kitschigen Romanzen entspinnt, wie man sie aus anderen fantastischen Romanen kennt. In diesem Buch kam die Liebe meiner Meinung nach völlig ohne jeden Kitsch und jedes Klischee aus. Jenny-Mai Nuyen hat es geschafft, die Liebe so darzustellen wie sie oftmals in ihrer Anfangsphase ist: unsicher, verletzend und voller Hoffnung. Sämtliche Charaktere, inklusive der beiden Protagonisten, handeln zudem aus mehr oder weniger egoistischen Gründen, was ich sehr erfrischend fand. Denn endlich hängt einmal nicht das Schicksal der Welt von den beiden ab, sondern nur ihr eigenes Leben.

Obwohl ich meine Ausgabe von „Nacht ohne Namen“ in der Jugendbuch-Abteilung gefunden habe, habe ich es als ein sehr tiefgründiges und nachdenkliches Werk wahrgenommen. Jeder Charakter handelt aus ganz persönlichen Motiven heraus und besitzt eine eigene, komplexe Gedankenwelt. Darin werden auch existenzielle Fragen aufgeworfen ohne eine klare Antwort darauf zu finden, sodass man als Leser angehalten ist selbst darüber nachzudenken. Trotz aller Tiefgründigkeit fehlt hier jedoch nicht die nötige Prise Humor und Leichtigkeit in Form des Dämonen Tallis, der sich selbst und seine Welt nicht allzu ernst nimmt.

Einzig das Finale hat mir persönlich nicht so zugesagt, da ich ein Freund von eindeutigen und unmissverständlichen Lösungen bin. Dieser Punkt wird sicherlich nicht jeden Leser stören. Deswegen gibt es von mir – ganz subjektiv – vier von fünf Sterne.

vier-sterne-wertung

Fazit: Innovative Fantasyliteratur

Für mich war „Nacht ohne Namen“ von Jenny-Mai Nuyen ein Buch der gekonnten Gratwanderungen. Es war nachdenklich, ohne langweilig zu sein. Es war liebevoll, ohne kitschig zu sein. Es war leicht, ohne einfach zu sein. Sehr zu empfehlen für alle, die mal „etwas anderes“ lesen möchten.

Zu empfehlen für Fans von: Urban Fantasy, Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“, neuartigen Buchideen, Berlin, düsterer Atmosphäre, …

Allgemeines zu „Nacht ohne Namen“

Titel: Nacht ohne Namen; Autor: Jenny-Mai Nuyen

ISBN: 978-3423761093

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag; Ort: München

Jahr: 2015; Seiten: 443 Seiten

Preis: 16,95 € (Hardcover, Zeitpunkt der Rezension)

Autorenporträt: Jenny-Mai Nuyen

Jenny-Mai Nuyen BuchJenny-Mai N(g)uyen, geboren am 14. März 1988 in München, begann sehr früh mit dem Schreiben und vollendete bereits im zarten Alter von 13 Jahren ihren ersten Roman. Ihr literarisches Debüt feierte sie 2006 mit dem Fantasyroman „Nijura – Das Erbe der Elfenkrone“. Seither ist sie eine feste Größe in der deutschen Fantasywelt.

2009 brach sie ihr Filmstudium in New York ab und lebt seither in Berlin, wo sie an der Freien Universität Philosophie und Religionswissenschaft studiert. In diesem Jahr meldete sie sich dann nach einer dreijährigen Schaffenspause mit dem Roman „Nacht ohne Namen“ zurück.

Auf der Leipziger Buchmesse nahm ich sogar an einer Lesung von Jenny-Mai Nuyen teil, wo ich sie als durchweg sympathischen, souveränen und angenehmen Menschen kennengelernt habe.

Bisherige Veröffentlichungen:

  • Nacht ohne Namen (2015)
  • Noir (2012)
  • Magierlicht – die Sturmjäger von Aradon (2010)
  • Feenlicht – die Sturmjäger von Aradon (2009)
  • Rabenmond – der magische Bund (2008)
  • Nocturna – die Nacht der gestohlenen Schatten (2007)
  • Drachentor (2007)
  • Nijura – das Erbe der Elfenkrone (2006)

(Stand: August 2015)

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