Das Traumtor [Eigene Geschichten]

Fussball

– Dresden im Weltmeistersommer: Dieses Fußballspiel trug sich wie beschrieben an der Ecke Kleine Marienbrücke / Große Meißner Straße zu. Lediglich die Namen und Lebensgeschichten hinter dieser ungewöhnlichen Freundschaft sind ausgedacht. –

Fussball

Er zielte, schwankte und schoss vorbei. Sein Fuß hatte den Ball nicht einmal berührt. Verwirrt, aber mit ungebrochenem Enthusiasmus nahm er erneut Anlauf. Diesmal kullerte der Ball ein paar Meter in Richtung Tor, das aus einem zerschlissenen Koffer bestand.

„Den krieg ich“, schrie Aziz mit aufgeregter Stimme. Sein helles Grinsen hob sich deutlich von seiner dunklen Haut ab. Er stellte sich vor wie Manuel Neuer dem Ball entgegen zu hechten und von jubelnden Massen angefeuert Deutschland vor einer WM-Niederlage zu retten.

Er hatte Neuers Mut im Spiel gegen Algerien bewundert. Er verpasste kein WM-Spiel, denn beim Public-Viewing ergatterte er stets so viele Pfandflaschen, dass er sie gegen einige Flaschen Wodka eintauschen konnte. Das köstliche Heilmittel gegen sein Heimweh.

Tatsächlich landete er mit einem dumpfen Geräusch auf dem vom Regen durchnässten Rasen. Der Ball kam etwa einem halben Meter vor ihm von allein zum Stehen. Schmerzen spürte er keine. Der Alkohol im Blut fing seinen Sturz sanft ab. Nur am Rande bemerkte er die Passanten, die das seltsame Schauspiel zugleich erstaunte und entsetzte.

Mit ihren nüchternen Augen sahen sie ein ungleiches Paar. Da war Aziz; noch nicht einmal Dreißig; betrunken; obdachlos und Verlierer seines Immigrantenstatus‘. Und da war Herbert; über Sechzig, betrunken; obdachlos und Verlierer des deutschen Sozialsystems. Doch anstelle demütig und reglos auf einer Parkbank vor sich hin zu dämmern, freuten sich beide über den kürzlich gefundenen Ball. Ungelenk und enthusiastisch wie zwei Kleinkinder, die gerade erst das Laufen gelernt hatten, spielten sie Fußball miteinander und vergaßen die Welt um sich herum.

Als Aziz am Boden lag, witterte Herbert seine Chance. Trotz Arthrose in den Beinen und einem ordentlichen Pegel, stürmte er nach vorne, lupfte den Ball über Aziz hinweg und traf das winzige Koffertor. In seiner Vorstellung rissen die Massen die Arme hoch: „TOOOOOOOOOORRRR! Müller trifft! Deutschland ist Weltmeister!“

– Eine Kurzgeschichte in nur 300 Worten erzählt – so lautete die Aufgabe eines Schreibwettbewerbs, dessen Abgabetermin ich versäumt hatte. Da mir diese auf einer realen Beobachtung beruhende Geschichte am Herzen liegt, möchte ich sie gerne hier veröffentlichen. –

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3 Gedanken zu „Das Traumtor [Eigene Geschichten]

  1. Liebe Desi,
    nie hätte ich gedacht bei dir eine Kurzgeschichte über Fußball zu lesen. Sie liest sich toll. Und überhaupt, mir war nicht bekannt dass du schreibst. Da stellt sich natürlich die Frage, ob du beim NaNoWriMo mitmachst.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    1. Freut mich, dass dir die Geschichte gefällt. Tatsächlich schreibe ich nur sehr sporadisch, da ich nur selten die Zeit dafür habe.^^

      NaNoWriMo – musste ich erstmal googeln, da ich davon noch nie gehört habe. Klingt spannend. Aber auch für solche Projekte fehlt mir vermutlich die Zeit. Machst du da mit? Wenn ja, gibt es auch schon etwas von dir zu lesen?

      1. Das geht mir genauso wenn es um das Schreiben von neuen Beiträgen geht. Shakespeare sollte einst mal gesagt haben, dass man jeden Tag mindestens einen Satz schreiben sollte. Ich finde das ist ein schöner Grundgedanke. Ich selber habe mich einmal über das National-November-Writing-Month versucht. Aber der Text landete irgendwann im Papierkorb. Trotzdem hat die Aktion sehr viel Spaß gemacht, weil man sich durchaus auch seine Zeit einteilen kann; und nur so viel schreibt, wie man möchte. Gestern habe ich gerade im Bezug auf das NaNo Projekt und BookFair2014 ein erklärendes Video gefunden. Ich möchte keinen Link einsetzen, aber vielleicht magst mal unter folgenden Stichworten gucken: „StoryDrive Frankfurt 2014 – Introducing Grant Faulkner“. Bei NaNoWriMo gibt es übrigens einen deutschsprachigen Forenbereich (etwas unübersichtlich). Schade ist, dass es hierzulande kein ähnliches Camp-Projekt gibt. Ich selber habe keine Texte veröffentlicht, freue mich aber auf weiteres aus deiner Feder. Na ja, bei Interesse kannst du ja danach Auschau halten. Es gibt viele Gleichgesinnte, auch aus unseren Gefilden.

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