Wie seriös sind Wortpatenschaften?

Monatsrückblick

Vor kurzem entwickelte sich unter meinem Artikel zum Wort „mäandern“ ein kleiner Austausch zum Thema Wortpatenschaften. Ich hatte schon vorher davon gehört und war gänzlich nicht abgeneigt selbst Wortpatin zu werden. Wer nicht weiß, worum es geht. Auf wortpatenschaften.de kann man sich sein Lieblingswort schnappen und als offizieller Pate dafür sorgen, dass es nicht in Vergessenheit gerät, indem man es selbst immer wieder zur Sprache bringt.

Bisher hatte ich leider noch kein Wort gefunden für das ich unbedingt einstehen wollen würde. Auf Arbeit begegnete mir dann vor zwei Tagen nach langer Zeit wieder das Wort „Gedankenkarussell“. Meiner Meinung nach ein großartiges Wort, weswegen es sofort als Patenkind in Frage kam. Ich habe sofort auf der Homepage nachgeschaut und es war sogar noch frei.

Noch am gleichen Abend wollte ich mich als Wortpatin eintragen, doch während des Bestellprozesses wurde ich immer stutziger. Mit jedem weiteren Klick erschien mir die Sache immer komischer. Und prinzipiell höre ich auf mein Bauchgefühl und ziehe nichts durch bei dem ich mich nicht wohl fühle.

Konkret gesagt: Mir scheint es bei wortpatenschaften.de mehr darum zu gehen Geld zu machen, denn tatsächliche Sprachpflege zu fördern. (Das ist nur meine persönliche Meinung und pure Spekulation. Bitte fühlt euch nicht angegriffen, wenn ihr schon Wortpatenschaften übernommen habt.)

Ich nenne euch einfach mal die Dinge, die mich stutzig machen:

1. Eine Wortpatenschaft kostet 19€. Das finde ich prinzipiell ok, ein Verein muss ja schließlich von etwas Leben. Was mich gewundert hat, waren die Preise von den Dingen, die man dazu buchen kann. Zunächst wählt man natürlich die Urkunde selbst, die es in der schon erwähnten Ausführung von 19€ gibt, aber auch als Version mit Siegel für 25€ und Edelausfürung für 75€ ! Im nächsten Schritt kann man aus den Zusatzoptionen wählen: eine Umhängetasche mit dem Patenwort für 46€, einen Backlink für Privatpersonen zu 19€ oder für Firmen zu 79€ (Zu den Backlinks Siehe auch Punkt 2). Im Klartext die Preisspanne für die Patenschaft beträgt 19€ bis 200€. Gerade die letzte Zahl hatte mich etwas erschreckt. Wie viel Geld man doch mit den Wortpatenschaften machen kann.

PS: Bei meinen Recherchen bin ich dann auch auf einen Artikel der Taz und andere Berichte gestoßen, als die Wortpatenschaften nur 5€, 10€ oder 15€ kosteten. Da sind die Preise wohl bis heute ordentlich angezogen worden.

2. Nun zu den Backlinks (die auf der Homepage natürlich mit dem deutschen Wort Rücklinks bezeichnet werden): Ich arbeite in einer Online Redaktion und kenne mich daher ein wenig (nicht übermäßig) mit Backlinks aus. Damit kauft man sozusagen einen Link, der von wortpatenschaften.de über das gewählte Patenwort direkt auf die eigene Homepage führt. Das bringt mehr Klicks für die eigene Seite und stärkt die eigene Position auf Google etc.! Prinzipiell nichts Verwerfliches und nichts Verbotenes. Doch hinter wortpatenschaften.de stehen u.a. eine Universität (TU-Ilmenau) und ein gemeinnütziger Verein (Verein Deutscher Sprache e.V.), da erscheint es mir ungewöhnlich und nicht richtig, dass solche Marketing-Leistungen feilgeboten werden. Hat mit Gemeinnützigkeit (meiner persönlichen Meinung nach) nicht mehr viel zu tun.

3. Der letzte Punkt: Der VDS ist unter Sprachwissenschaftlern insbesondere für seine Versuche bekannt (und tw. auch geächtet^^) dem Deutschen den Anglizismus auszutreiben. Die Wortpatenschaften sollten ursprünglich dazu dienen die deutsche Sprache zu erhalten und einzelne Bürger dazu ermutigen sich konkret der Pflege eines deutschen Wortes anzunehmen. Nun frage ich mich, warum man auch für Wörter wie Projektmanagement, Powerslide oder Managerial eine Patenschaft übernehmen kann? Keine besonders bedrohten, deutschen Wörter.

Aus diesen Überlegungen heraus habe ich mich erst einmal gegen eine Wortpatenschaft entschieden. Was mich sehr interessieren würde ist, wie ihr das empfindet? Übertreibe ich und sehe Gespenster oder könnt ihr das nachvollziehen?

Nachtrag vom 17.09.2015: Bevor ihr vorschnelles Urteil fällt bitte ich euch noch die Gegendarstellung von Tomas Marten, einem Mitverantwortlichen des Projekts wortpatenschaften.de, in den Kommentaren durchzulesen. Dort bekommt ihr noch ein paar hintergründige Informationen und Anmerkungen zu den genannten Kritikpunkten.

 

 

 

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11 Gedanken zu „Wie seriös sind Wortpatenschaften?

  1. Moin,
    Also die Idee besondere Wörter, deutsche dann aber bitte aufrecht zu erhalten finde ich ja noch ganz lobenswert, aber nunja..gleich soviel Geld für Merchandise zu Verlangen finde ich dann doch seltsam. Und eine Urkunde sollte doch wirklich reichen..die Idee mit der Rache find ich sogar noch recht witzig, aber der Preis dafür ist halt doch recht, nunja irrwitzig wie ich finde. Als gimmick ganz süß.
    Ich find das aber erstmal nicht übertrieben von dir. Wenn mir so viele zählbaren Dinge begegnet waren und das nicht über einen extra angebotenen Shop dazu, wäre ich auch stutzig geworden..
    Lg Aki

    1. Ja, den Preis fand ich auch komisch. Irgendwie hat mich die ganze Sache an die Mondgrundstücke erinnert, die man im Internet kaufen kann. Der Verein verkauft quasi etwas, was eigentlich niemandem gehört. Im Grunde könnte jeder anfangen Wortpatenschaften zu verkaufen.

  2. Ich hatte bisher noch nie von Wortpatenschaften gehört, an sich klingt das ja nach einer netten Idee. Wenn ich jetzt aber lese, dass der VDS dahinter steht, schrillen bei mir als werdende Linguistin die Alarmglocken 😉

  3. Geschätze Frau Mainzer,

    ich stieß zufällig auf diesen Beitrag und erlaube mir einige Anmerkunden zu Ihren Gedanken:

    – KOSTEN Die Aktion hat sich seit 2006 allmählich entwickelt. Anfangs „kosteten“ die Patenschaften 5 Euro; dann stellte sich rasch heraus, daß mit einem solch geringen Betrag nicht ansatzweise die damit verbundene Arbeit vieler engagierter Beteiligter umzusetzen ist. Die ganze Sprachpflegeinitiative, die ursprünglich nach einem dreiviertel jahr beendet sein sollte, ist seitdem unentwegt komplexer und arbeitsaufwendiger geworden ist, zudem stiegen Fremdkosten an und die Urkunden sind nunmehr erheblich edler als anfangs. Daher berechnen wir nunmehr 25 Euro. Immerhin nur einmalig und für lebenslange Patenschaft. Mit stetem Service. Das ist wohl nicht viel – bitte vergleichen Sie das mit ähnlichem.

    Die Nebenprodukte entstanden auf Nachfrage vieler Sprachinteressierter und sind ein optionales Angebot. Der Großteil der Kosten dafür sind schlichtweg den notwendigen Fremdleistungen geschuldet.

    – WÖRTERBESTAND Natürlich gehören die drei angeführten Wörter nicht in unsere Datenbank. Dazu zählen übrigens mittlerweile 450 000 (!) Wörter, deren „erste“ 300 000 maschinell eingepflegt wurden, wodurch einige Mißgriffe geschahen. Wo es möglich ist, werden diese nach und nach getilgt. Für „Projektmanagement“ gibt es nun schon einen Paten, dem wir die versprochene Leistung nicht nehmen wollen; freilich würde kein ähnlicher Wortvorschlag mehr angenommen werden. „Powerslide“ und „Managerial“ sind sogleich gelöscht worden: Danke also für das aufmerksam machen. – Übrigens entsteht bei uns durch Wortvorschläge (mittlerweile also schon weit über 150 000!) nach und nach die größte Datenbank deutscher Sprache, und zwar wirklich genutzter Sprache. Das wird zumindest noch manchen Sprachforscher in der Zukunft freuen.

    – RÜCKLINKS Was spricht dagegen? Viele Paten, mittlerweile an die 16 000 – u.a. zwei Bundespräsidenten – freuen sich über zusätzliche Vernetzung mit ihrem und zu ihrem Wort: Es ist ja schließlich Sinn der Sache, sich (trefflende, schöne, bedrohte) Wörter bewußt zu machen, sie häufig zu nutzen, zu schreiben und zu lesen, darüber und damit zu reden. Ganz nach unserem Motto: „Jeder Pate beschützt sien Wort, alle Paten die gesamte Sprache“.

    – VDS Der Verein Deutsche Sprache als einer der weltweitgrößten Bürgervereine setzt sich ebenso aus hochverdienten Fachleuten wie schlicht sprachinteressierten Bürgern aller Art und Herkunft zusammen. Sein Ziel ist es, Sprachpflege zu betreiben. Daß Polarisierungen hier nicht ausbleiben, ist naheliegend, und das rascher Aufstieg hier und da zu skeptischen Seitenblicken anderer führt, ebenso: Beides schadet der Sache selbst nicht …

    Ich hoffe, mit diesen Anmerkunden zu etwas besserem Verständnis angeregt zu haben. Gute Grüße von Thüringen an die Elbe.

  4. Ich füge hinzu – da die Nebeninformationen zur Urheberschaft entgegen der Erwartung doch nicht sichtbar ist – daß ich Mitverantwortlicher für das Projekt WPS bin. Hätte wohl besser eingangs gestanden … TM

    1. Sehr geehrter Herr Marten,

      ich freue mich über Ihre ausführliche und konstruktive Rückmeldung. Mit diesem Beitrag wollte ich lediglich meine (persönlichen) Bedenken zum Ausdruck bringen und zur Diskussion anregen. Da ist es umso besser, wenn mehrere Stimmen und Ansichten zu Wort kommen.

      Dass sich ein Mitverantwortlicher des Projekts meldet und um eine Gegendarstellung bemüht, ist sogar perfekt. Ich werde oben im Beitrag einen Verweis auf Ihren Kommentar einbinden, sodass sich künftige Leser ein ausgewogeneres Urteil bilden können.

      Liebe Grüße
      Desirée Mainzer

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