Der Mann mit dem Fagott – Udo Jürgens & Michaela Moritz [Rezension]

Michaela Moritz Der Mann mit dem Fagott

Eigentlich bin ich eher eine begeisterte Leserin von mehrbändigen Familiensagas, weniger gehören autobiografische Bücher berühmter Personen, Stars und Sternchen, die meist aus der Feder eines Ghostwriters stammen, zu meiner bevorzugten Lektüre. Doch eine Ausnahme machte die bereits 2004 erschienene Autobiografie des Sängers Udo Jürgens mit dem Titel Der Mann mit dem Fagott.

Udo Jürgens Mann mit dem Fagott
© Heinrich / CC BY-SA 3.0 DE

Mein Interesse an Udo Jürgens Lebenslauf rührt daher, dass die Lieder des aus Österreich stammenden Sängers mich mein Leben lang begleiteten (bin Jahrgang 1962). Daher interessierte mich entgegen meinen Gewohnheiten seine Lebensgeschichte, die er in Zusammenarbeit mit Michaela Moritz – Autorin, Journalistin, Fotografin und Redakteurin – verfasste. Schon nach der Lektüre der ersten Seiten erkannte ich, dass in diesem Buch nicht nur das Leben von Udo Jürgens beschrieben wird, sondern auch ein großer Teil der bewegten Geschichte seiner Familie, d.h. der Familie Bockelmann aus Kärnten gewidmet ist, insbesondere seinem Großvater und seinem Vater.

Udo Jürgens Biografie beeinflusst durch den Mann mit dem Fagott

Der Mann mit dem Fagott auf AmazonDer Leser lernt den jungen Udo Jürgens kurz vor seinem 21. Geburtstag kennen, als dieser noch fern jeglicher Popularität war und sich genötigt sah, durch Klavierspiel in Bars seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er erscheint dem Leser als eine unfertig, will nicht sagen unreife Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg erst noch finden muss.

Dem Mann mit dem Fagott begegnet Heinrich Bockelmann, dem Großvater von Udo Jürgens, Weihnachten 1891 in Bremen, als dieser ähnlich wie sein Enkel Udo etliche Jahrzehnte später über seine Zukunft nachdenkt. Doch die Begegnung mit dem Mann mit dem Fagott inspiriert ihn, sein Glück im fernen Russland zu versuchen. Das gelingt ihm auch, denn Heinrich Bockelmann avanciert in Moskau zu einem angesehenen Privatbankier mit sehr engen Beziehungen zum Zarenhof. Diese Idylle wird jäh durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges zerstört. Infolge der deutschfeindlichen Pogrome im Zarenreich wird Bockelmann verhaftet und verliert sein Hab und Gut. Wie es ihm gelingt, seine Frau mit den fünf Söhnen ins sichere Ausland zu bringen und sich selbst aus dieser scheinbar ausweglosen Lage zu befreien, ist sehr anschaulich beschrieben, so dass es dem Leser möglich gemacht wird, mit Heinrich Bockelmann in den heikelsten Situationen mitzufiebern oder sich mit ihm zu freuen. Doch auch in dieser schwierigen Zeit in Moskau trifft er auf den Mann mit dem Fagott in Form einer Bronzefigur, die von nun an in der Familie Bockelmann von Generation zu Generation weiter gegeben wird.

Es gibt übrigens eine Verfilmung von der Mann mit dem Fagott. 
Film und Ausstrahlung geschahen als Geburtstagshommage des
ARDs an den 77-järigen Udo Jürgens.

Im Laufe der Autobiografie wird auch die Figur von Rudolf Bockelmann, dem Vater Udo Jürgens, entwickelt, der seine Kindheit in Moskau verbracht und später als Bürgermeister in Kärnten gewirkt hatte und im Dritten Reich beinahe zum Tode verurteilt worden wäre.

In allen dargestellten Lebensabschnitten von Udo Jürgens Buch haben folgende männliche Figuren einen entscheidenden Einfluss auf sein Leben: das sind sein Großvater Heinrich, sein Vater Rudolf, sein Onkel Werner, der spätere Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, und immer wieder die Figur Der Mann mit dem Fagott, die alle Wirren der Geschichte zu überstehen scheint und deren Schicksal untrennbar mit dem der Familie Bockelmann verbunden ist.

Udo Jürgens und Michaela Moritz – Autoren mit Gespür für Epochendynamik

Der Mann mit dem Fagott Udo Jürgens
© Steindy / CC BY-SA 3.0

Udo Jürgens Biografie zeichnet sich vor allem durch den gelungenen Wechsel der Darstellung verschiedener Epochen der Familie Bockelmann aus. Der Wechsel der verschiedenen Handlungsorte wie Bremen, Moskau, Wien, Kärnten usw. ist für den Leser problemlos nachvollziehbar, ohne die Kontinuität der Geschichte zu stören. Spürbar ist auch der Respekt von Udo Jürgens vor seinem Großvater, Vater und dessen Brüdern, wenn er von ihnen erzählt.

Sehr erholsam für den Leser ist nach meiner Meinung auch die sehr selbstkritische Darstellung des Verhältnisses von Udo Jürgens zu seiner Ehefrau und seinen Kindern, wobei er nicht immer positiv wegkommt. Diese anspruchsvolle Biografie Udo Jürgens Der Mann mit dem Fagott ist frei von jedweder übertriebenen Selbstdarstellung des Sängers, wie häufig bei seinen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten, und zeugt eher von seiner Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Geradlinigkeit, wie sie auch einst seinen Vorbildern, seinem Großvater und seinem Vater eigen war.

Der autobiografische Bestseller Der Mann mit dem Fagott ist eine hervorragend geschriebenes Buch und eine sehr informative Lebensgeschichte dreier Generationen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis hin zum Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und stellt somit für die heutige junge Generation lebendigen und unterhaltsamen Geschichtsunterricht dar.

Zerbst, den 07.03.2014                                             Gastautorin Annegret Mainzer

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